Genussscheine - die Exoten im Depot

Investitionschance mit Lokalbezug

ein Niedersachsen-Artikel von Redaktion - 10.05.2019
Genussscheine k├Ânnen lukrativ sein

Um Genussscheine ist es still geworden in der letzten Zeit. Dabei k├Ânnen sie durchaus mit anderen Wertpapieren mithalten und k├Ânnten als Beimischung recht lohnenswert sein. Obwohl es aus verschiedenen Gr├╝nden nicht mehr viele Genussscheine an der B├Ârse zu kaufen gibt, h├Ąlt ein Niedersachse an dem Konzept fest. Wir erkl├Ąren hier das Prinzip von Genussscheinen und warum sie niemand mehr ausgeben m├Âchte.

Ein Depot ist nicht immer n├Âtig

Genussscheine sind sehr ungew├Âhnliche Wertpapiere, f├╝r die nicht zwingend ein Depot n├Âtig ist. Am bekanntesten sind die b├Ârsengehandelten Exemplare. Hier bietet unsere Landeshauptstadt Hannover mit den Stadtwerken Hannover (Enercity AG Hannover) jedoch ganz klar einen Au├čenseiter an. Mitbewerber sind gro├če Player, wie beispielsweise die Roche Holding AG oder die Bertelsmann AG. F├╝r alle drei gilt: Durch den Handel an der B├Ârse muss auch ein Wertpapierdepot vorhanden sein. Dass dies eben f├╝r andere Genussscheine nicht zwingend erforderlich ist, liegt an der Natur der Papiere.

Ein Genussschein ist n├Ąmlich ein verbrieftes Recht, das vom Ausgebenden frei gew├Ąhlt werden kann.

So k├Ânnte beispielsweise ein Schwimmbad das Recht verbriefen, jedes Jahr 10 Mal freien Eintritt zu bekommen. Zur Ausgabe berechtigt ist jedes Unternehmen, unabh├Ąngig von der Rechtsform. Grunds├Ątzlich gibt es keine B├Ârsenpflicht und somit auch nur wenige gesetzliche Vorgaben, die erf├╝llt werden m├╝ssen. Selbst ob es eine Laufzeit gibt oder ob irgendwann der investierte Betrag zur├╝ckgegeben werden muss oder nicht, ist v├Âllig frei verhandelbar. Daher ist es absolut nicht erstaunlich, dass es die kuriosesten Ideen gibt:

  • Im Jahr 2017 hat ein Unternehmen f├╝r die Gr├╝ndung einer Brauerei in L├╝beck Genussscheine ausgegeben. Preis zum Ausgabetermin: 150,- Euro. Daf├╝r bekamen die Anleger das Recht auf 12 Flaschen Bier pro Jahr f├╝r die n├Ąchsten 25 Jahre.
  • Eine Confiserie aus Bayern bot ihren Anlegern einmal j├Ąhrlich Schokoladenautos oder Pralinen an. F├╝r den Genussschein waren bei der Ausgabe 200,- Euro f├Ąllig.
  • Ein Weingut von der Mosel bot seinen Anlegern eine Dividende von 7,5 % ÔÇô allerdings nicht in bar, sondern in Form von 20 Flaschen Wein pro Jahr. Die Anlagesumme lag damals bei 2.500,- Euro je Schein.
  • Bei einer Kaffeeplantage in Uganda konnte der findige Anleger in 10 Kaffeeb├Ąume investieren. Als Dividende gab es daf├╝r 30 % der j├Ąhrlichen Kaffeeernte.
  • Eine K├Ąserei bot den Anlegern den Genuss von 6 Kilogramm K├Ąse pro Jahr gegen eine Geldanlage von 5.000,- Euro. Ob die Qualit├Ąt der ÔÇ×DividendeÔÇť im Vorfeld getestet werden konnte, ist allerdings nicht bekannt.

Derartige Genussscheine k├Ânnen direkt vom Emittenten gekauft werden. Allerdings ist auch der au├čerb├Ârsliche Handel erlaubt. Wer jedoch seinen bereits erworbenen Genussschein verkaufen m├Âchte oder nach dem Ausverkauf einen neuen erwerben m├Âchte, wird es schwer haben, einen Handelspartner zu finden. Schlie├člich gibt es keine ├Âffentlichen Verzeichnisse ├╝ber die aktuellen Inhaber.

Genussscheine: An der B├Ârse l├Ąuft alles anders

Warum sind aber die Genussscheine der Enercity AG (WKN 725535) oder anderer Unternehmen so interessant? Um zu verstehen, warum Genussscheine an der B├Ârse nur noch selten gesehen werden, m├╝ssen wir sie zun├Ąchst aus Anlegersicht betrachten.

Einzuordnen sind sie in der Bilanz eigentlich zwischen Eigen- und Fremdkapital. Sie sind nachrangig, was bedeutet: Geht der Emittent in die Insolvenz, bekommen aus dem vorhandenen Kapital zun├Ąchst die Fremdkapitalgeber ihr Geld (z. B. Banken oder Anleiheinhaber). Erst danach wird der Rest zun├Ąchst an die Genussschein-Inhaber und als Letztes an die Aktion├Ąre verteilt. Damit sich also jemand F├ťR einen Genussschein entscheidet, muss ein entsprechender Anreiz gegeben werden. In der Regel zahlt also das Unternehmen f├╝r das Risiko einen gewissen Zinsaufschlag. Dass dieser Aufschlag das Risiko nicht immer auch wert ist, zeigte die Prokon-Insolvenz vor einigen Jahren. F├╝r viele Anleger waren die Verluste sehr schmerzhaft.

Warum aber sollte sich ein Unternehmen daf├╝r entscheiden, Genussscheine mit h├Âheren Zinszahlungen herauszugeben statt zum Beispiel eine Anleihe? Fr├╝her konnte der Emittent das eingesammelte Geld in der Bilanz als Eigenkapital ausweisen. Dies steigert nat├╝rlich enorm die Bonit├Ąt eines Unternehmens. Auch dass im Gegensatz zu Aktien mit den Scheinen keinerlei Stimmrecht einhergeht, ist positiv. Die letzte Finanzkrise hat jedoch zu versch├Ąrften Bedingungen der Finanzaufsicht gef├╝hrt. Somit ist es f├╝r die meisten Unternehmen nicht mehr m├Âglich, den Vorteil weiterhin zu nutzen. Im Gegensatz zu damals muss leider inzwischen das Kapital aus Genussscheinen zum Fremdkapital gerechnet werden. Ein Zinsaufschlag lohnt sich also aus Emittentensicht ├╝berhaupt nicht mehr.

Umso interessanter ist es, wenn man sich bestehende Genussscheine einmal anschaut. Die aktuellen Kurse zu b├Ârsengehandelten Papieren sind jederzeit einsehbar. Die von enercity ausgesch├╝ttete Dividende auf die Genussscheine f├╝r 2018 ist enorm: ganze 42,4 % Nominalverzinsung f├╝r das Gesch├Ąftsjahr 2017! Wegen der oben angesprochenen Gefahren, inklusive Totalverlust-Risiko, sollte nicht zu viel Kapital in Genussscheine investiert werden. Doch bei einer solchen Rendite kann es nicht schaden, zumindest einen kleinen Anteil im Depot beizumischen. 

Foto: Clipdealer