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Finanzen und Versicherungen Rubrik Familie

Genussscheine – die Exoten im Depot

Investitionschance mit Lokalbezug

Um Genussscheine ist es still geworden in der letzten Zeit. Dabei können sie durchaus mit anderen Wertpapieren mithalten und könnten als Beimischung recht lohnenswert sein. Obwohl es aus verschiedenen Gründen nicht mehr viele Genussscheine an der Börse zu kaufen gibt, hält ein Niedersachse an dem Konzept fest. Wir erklären hier das Prinzip von Genussscheinen und warum sie niemand mehr ausgeben möchte.

Ein Depot ist nicht immer nötig

Genussscheine sind sehr ungewöhnliche Wertpapiere, für die nicht zwingend ein Depot nötig ist. Am bekanntesten sind die börsengehandelten Exemplare. Hier bietet unsere Landeshauptstadt Hannover mit den Stadtwerken Hannover (Enercity AG Hannover) jedoch ganz klar einen Außenseiter an. Mitbewerber sind große Player, wie beispielsweise die Roche Holding AG oder die Bertelsmann AG. Für alle drei gilt: Durch den Handel an der Börse muss auch ein Wertpapierdepot vorhanden sein. Dass dies eben für andere Genussscheine nicht zwingend erforderlich ist, liegt an der Natur der Papiere.

Ein Genussschein ist nämlich ein verbrieftes Recht, das vom Ausgebenden frei gewählt werden kann.

So könnte beispielsweise ein Schwimmbad das Recht verbriefen, jedes Jahr 10 Mal freien Eintritt zu bekommen. Zur Ausgabe berechtigt ist jedes Unternehmen, unabhängig von der Rechtsform. Grundsätzlich gibt es keine Börsenpflicht und somit auch nur wenige gesetzliche Vorgaben, die erfüllt werden müssen. Selbst ob es eine Laufzeit gibt oder ob irgendwann der investierte Betrag zurückgegeben werden muss oder nicht, ist völlig frei verhandelbar. Daher ist es absolut nicht erstaunlich, dass es die kuriosesten Ideen gibt:

  • Im Jahr 2017 hat ein Unternehmen für die Gründung einer Brauerei in Lübeck Genussscheine ausgegeben. Preis zum Ausgabetermin: 150,- Euro. Dafür bekamen die Anleger das Recht auf 12 Flaschen Bier pro Jahr für die nächsten 25 Jahre.
  • Eine Confiserie aus Bayern bot ihren Anlegern einmal jährlich Schokoladenautos oder Pralinen an. Für den Genussschein waren bei der Ausgabe 200,- Euro fällig.
  • Ein Weingut von der Mosel bot seinen Anlegern eine Dividende von 7,5 % – allerdings nicht in bar, sondern in Form von 20 Flaschen Wein pro Jahr. Die Anlagesumme lag damals bei 2.500,- Euro je Schein.
  • Bei einer Kaffeeplantage in Uganda konnte der findige Anleger in 10 Kaffeebäume investieren. Als Dividende gab es dafür 30 % der jährlichen Kaffeeernte.
  • Eine Käserei bot den Anlegern den Genuss von 6 Kilogramm Käse pro Jahr gegen eine Geldanlage von 5.000,- Euro. Ob die Qualität der „Dividende“ im Vorfeld getestet werden konnte, ist allerdings nicht bekannt.

Derartige Genussscheine können direkt vom Emittenten gekauft werden. Allerdings ist auch der außerbörsliche Handel erlaubt. Wer jedoch seinen bereits erworbenen Genussschein verkaufen möchte oder nach dem Ausverkauf einen neuen erwerben möchte, wird es schwer haben, einen Handelspartner zu finden. Schließlich gibt es keine öffentlichen Verzeichnisse über die aktuellen Inhaber.

Genussscheine: An der Börse läuft alles anders

Warum sind aber die Genussscheine der Enercity AG (WKN 725535) oder anderer Unternehmen so interessant? Um zu verstehen, warum Genussscheine an der Börse nur noch selten gesehen werden, müssen wir sie zunächst aus Anlegersicht betrachten.

Einzuordnen sind sie in der Bilanz eigentlich zwischen Eigen- und Fremdkapital. Sie sind nachrangig, was bedeutet: Geht der Emittent in die Insolvenz, bekommen aus dem vorhandenen Kapital zunächst die Fremdkapitalgeber ihr Geld (z. B. Banken oder Anleiheinhaber). Erst danach wird der Rest zunächst an die Genussschein-Inhaber und als Letztes an die Aktionäre verteilt. Damit sich also jemand FÜR einen Genussschein entscheidet, muss ein entsprechender Anreiz gegeben werden. In der Regel zahlt also das Unternehmen für das Risiko einen gewissen Zinsaufschlag. Dass dieser Aufschlag das Risiko nicht immer auch wert ist, zeigte die Prokon-Insolvenz vor einigen Jahren. Für viele Anleger waren die Verluste sehr schmerzhaft.

Warum aber sollte sich ein Unternehmen dafür entscheiden, Genussscheine mit höheren Zinszahlungen herauszugeben statt zum Beispiel eine Anleihe? Früher konnte der Emittent das eingesammelte Geld in der Bilanz als Eigenkapital ausweisen. Dies steigert natürlich enorm die Bonität eines Unternehmens. Auch dass im Gegensatz zu Aktien mit den Scheinen keinerlei Stimmrecht einhergeht, ist positiv. Die letzte Finanzkrise hat jedoch zu verschärften Bedingungen der Finanzaufsicht geführt. Somit ist es für die meisten Unternehmen nicht mehr möglich, den Vorteil weiterhin zu nutzen. Im Gegensatz zu damals muss leider inzwischen das Kapital aus Genussscheinen zum Fremdkapital gerechnet werden. Ein Zinsaufschlag lohnt sich also aus Emittentensicht überhaupt nicht mehr.

Umso interessanter ist es, wenn man sich bestehende Genussscheine einmal anschaut. Die aktuellen Kurse zu börsengehandelten Papieren sind jederzeit einsehbar. Die von enercity ausgeschüttete Dividende auf die Genussscheine für 2018 ist enorm: ganze 42,4 % Nominalverzinsung für das Geschäftsjahr 2017! Wegen der oben angesprochenen Gefahren, inklusive Totalverlust-Risiko, sollte nicht zu viel Kapital in Genussscheine investiert werden. Doch bei einer solchen Rendite kann es nicht schaden, zumindest einen kleinen Anteil im Depot beizumischen. 

Foto: Clipdealer

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