Multiresistente Keime in Gewässern

Proben aus Niedersachsen alarmieren

ein Niedersachsen-Artikel von Michael Weber - 06.02.2018
Multiresistente Keime in Gewässern

Gewässerproben aus Niedersachsen sind alarmierend. Nach Recherche des NDR sind in allen Untersuchungen multiresistente Keime nachweisbar. Das Magazins Panaorama - die Reporter recherchierte zum Thema Antibiotika und multiresistente Keime im Bundesland. Grund war ein Todesfall, bei dem ein Mann in Hessen nach einem Sturz in einen Bach an widerstandsfähigen Krankheitserregern verstorben war. Die Reporter nahmen im Zuge ihrer Recherche Proben aus Gewässern wie Bäche, Flüsse und Seen in ganz Niedersachsen. Darunter auch das Bad Zwischenahner Meer und die Thülsfelder Talsperre. Das erschreckende Ergebnis: In allen Proben konnten Wissenschaftler der Technischen Universität Dresden und des Universitätsklinikums Gießen die gefährlichen resistenten Keime nachweisen. Die Proben belegen nicht nur die Verunreinigung der Gewässer, sondern sind ein Alarmsignal für die Medizin. Denn gegen diese Erreger hilft kaum mehr ein bisher bekanntes Antibiotikum.

Warum sind multiresistente Keime so gefährlich?

Multiresistente Keime sind Krankheitserreger, die gegen viele Behandlungsstoffe eine Resistenz entwickelt haben. Diese Substanzen sind vielfach gegen Antibiotika immun. Das bedeutet: Bei einer Infizierung mit diesen Erregern schlagen Behandlungen mit Antibiotika nicht an. Die Erkrankten können nicht mehr mit bekannten Mitteln behandelt werden. Todesfälle sind möglich.

Besonders tückisch sind die sogenannten MRGN (MR-GN) - multiresistente gramnegative Erreger. Diese haben gegen eine Reihe von antibiotischen Behandlungssubstanzen Abwehrmechanismen entwickelt, sodass eine Behandlung nicht mehr anschlägt. Schwerwiegender als die als MRSA bekannten sogenannte Krankenhauskeime sind die MRGN, da sie schwere Erkrankungen verursachen und so unbehandelt deutlich gefährlicher sind. Insbesondere Bakterien, die gegen Colistin resistent sind, bereiten den Experten Kopfzerbrechen. Denn Colistin gilt als Notfallantibiotikum. Es kommt immer dann zum Einsatz, wenn andere Substanzen nicht anschlagen. Sind die Keime auch gegen dieses Mittel immun, drohen schwerwiegende Erkrankungen mit Mortalitätsgefahr.

Für gesunde Menschen sind die widerstandsfähigen Erreger in der Regel kein Problem. Im Falle einer Krankheit oder einer Wunde sowie bei geschwächten Personen können die Bakterien jedoch das Immunsystem zusätzlich belasten, Krankheiten auslösen und erhebliche Komplikationen verursachen. Laut Bericht von Panorama - die Reporter lassen sich jedes Jahr in Deutschland mehrere tausend Todesfälle auf die Erreger zurückführen.

Woher stammen die multiresistenten Keine?

Die multiresistenten Keime sind bisher in erster Linie in Kliniken, Pflegeheimen und Tierställen aufgetreten. Das Problem: Von dort gelangen diese über das Abwasser in den Abwasserkreislauf. Die meisten Kläranlagen sind jedoch nicht für eine Reinigung von Abwässern mit medizinisch-biologischen Substanzen ausgelegt. Das heißt: Nach dem Klären sind die Keime weiterhin im Wasser und gelangen so in den natürlichen Wasserkreislauf von Bächen, Flüssen und Seen. Dort breiten sich die Erreger aus und können Menschen infizieren.

Wie schlüssig diese Logik ist, belegen die Entnahmestellen. So fanden die Experten die aggressivsten und widerstandsfähigsten Keime an den Probeentnahmestellen, die

  • in Regionen mit besonders ausgeprägter Massentierhaltung,
  • am Abfluss hinter kleinen Kläranlagen medizinisch-pflegerischer Einrichtungen liegen.

Es ist daher äußerst wahrscheinlich, dass die Erreger von dort in den Wasserkreislauf gelangen, wo sie normalerweise auftreten oder gegen Antibiotika Resistenzen entwickeln können: Im Tierstall und in medizinischen Einrichtungen wie Kliniken und Pflegeheimen.

Multiresistente Keime: Wie sicher sind die Gewässer in Niedersachsen?

Im Zuge der Untersuchung nahmen die Wissenschaftler zwölf Proben aus niedersächsischen Gewässern. Alle Proben waren positiv. Das bedeutet: An jeder Entnahmestelle konnten die Experten die Keime nachweisen.

Für Wassersportler und Badende bedeutet dies zunächst nicht, dass es ein nachgewiesenes Risiko gibt, multiresistente Keime aufzunehmen. Bisher gelten insbesondere die Badegewässer als sehr sauber. Allerdings gab es bisher keinerlei Untersuchung durch die Behörden, sodass niemand die tatsächliche Gefahr einschätzen kann. Die zuständigen Ministerien hielten sich bisher mit Stellungnahmen zurück. Das Umweltministerium kündigte jedoch an, zunächst eigene Proben zu entnehmen. Durch die bewusste Wahl potenziell kritischer Gewässerstellen könnte das vorliegende Ergebnis die tatsächliche Belastung verzerren. Dennoch ist es ratsam, beim Baden und Wassersport das mögliche Risiko multiresistenter Keime in Badeseen, Flüssen und Bächen zu berücksichtigen und sich entsprechend zu verhalten. Das gilt insbesondere für kleine Kinder, geschwächte Personen und Schwangere. Solange keine flächendeckenden Messungen vorliegen, bleibt die tatsächliche Belastung jedoch eine Unbekannte.

Auftrag an Politik: Antibiotikaeinsatz überdenken

Für die Landesregierung und die Kommunen in Niedersachsen sowie im Bund ergeben sich aus den Untersuchungen mehrere Handlungsforderungen.

  • Die Belastung der Gewässer in ganz Niedersachsen ist durch entsprechende Proben regelmäßig zu überprüfen.
  • Kläranlagen sind baldmöglich mit entsprechenden Filteranlagen auszustatten.
  • Das Eindringen der Keime in das Trinkwasser ist durch geeignete Maßnahmen zu verhindern.
  • Die Vergabe von Antibiotika in der Tierhaltung ist deutlich zu reduzieren und auf wenige Mittel zu beschränken. So kann eine Resistenz gegen ein Notfall-Antibiotikum erschwert werden.
  • Die Erforschung neuer Antibiotika-Gruppen ist ratsam, um neue Notfallmedikamente nutzen zu können.

Die Ergebnisse der Stichproben sind alarmierend. Sie zeigen, wie stark multiresistente Keime inzwischen verbreitet sind. Diese sind nicht mehr auf typische Bereiche wie Kliniken und Massentierhaltung beschränkt, sondern können sich über den natürlichen Wasserkreislauf ausbreiten. Das schafft eine völlig neue Gefahrensituation für die Medizin und damit die Gesundheit der Menschen.

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