Das Steckenpferdreiten und andere Traditionen

Steckenpferdreiten, Besenwerfen und Pfingstbaumpflanzen in Niedersachsen

ein Niedersachsen-Artikel von Redaktion - 13.12.2018
Steckenpferde - bei einem Brauch in Osnabr├╝ck bedeutend

Manche Traditionen sind wohl bekannt, andere hingegen sind schon beinahe ins Vergessen geraten. Wir werfen ein Schlaglicht auf wunderbare, nieders├Ąchsische Gewohnheiten. Steckenpferde d├╝rften den meisten Erwachsenen noch ein Begriff sein, w├Ąhrend viele Kinder diese Pferdek├Âpfchen auf einem Stab bzw. Stecken nicht mehr kennen. Ein Steckenpferd klemmt man sich zwischen die Beine und l├Ąuft dann damit herum, als reite man ein echtes Pferd. Was wie ein altert├╝mliches Kinderspiel scheint, hat in Wahrheit zus├Ątzlich eine traditionelle und auch bedeutsame Komponente.

Steckenpferdreiten in Osnabr├╝ck

Das Steckenpferdreiten ist ein Brauch aus Osnabr├╝ck, der dort an den Friedensschluss von 1648 zur Beendigung des 30-j├Ąhrigen Krieges erinnert. Zum ersten Mal wurde dieses Friedensfest zum 300. Geburtstag der Stadt gefeiert. Das fand am 22. Oktober 1948 statt und erinnerte an den Westf├Ąlischen Frieden zwischen Osnabr├╝ck und M├╝nster. Seit 1953 ist es j├Ąhrlicher Brauch, dass die Kinder der vierten Klassen in Gedenken an diesen Tag auf Steckenpferden zum Rathaus ÔÇ×reitenÔÇť.  Anf├Ąnglich handelte es sich dabei nur um Jungen, heute nehmen jedoch alle Kinder unabh├Ąngig vom Geschlecht daran teil. Anschlie├čend findet ein Kinderfest im im Zentrum der Altstadt statt.

Dieser Brauch beruht wiederum auf einer Legende, die eigentlich aus N├╝rnberg stammt. 1650, am N├╝rnberger Exekutionstag, welcher der Kl├Ąrung verschiedener Fragen rund um den Westf├Ąlischen Frieden diente, ritten einige Jungen auf Steckenpferden zum F├╝rsten und baten um ein Andenken an den Frieden. Dieser lie├č dann M├╝nzen pr├Ągen, die auf einer Seite Jungen auf Steckenpferden zeigten. Diese M├╝nzen sind historisch belegt.

Zwei regionale Dichterinnen griffen die Geschichte auf und verlegten den Ort der Handlung nach Osnabr├╝ck. Niedergeschrieben wurde sie im Geschichtenbuch f├╝r die Jugend von 1875. So wurde das Steckenpferdreiten zu einer Osnabr├╝cker Tradition, die auch heute noch lebendig ist. Die Kinder reiten mit ihren selbst gemachten Steckenpferden und bunten H├╝tchen zum Rathaus von Osnabr├╝ck, denn hier wurde 1648 im Rathaussaal der Friedensvertrag unterschrieben. Der Oberb├╝rgermeister empf├Ąngt die Kleinen mit s├╝├čen Brezeln, w├Ąhrend das Lied der Steckenpferdreiter erklingt. Es wurde extra f├╝r diesen Zweck komponiert und beginnt mit den Worten:

Wir Reiter ziehn durch Osnabr├╝ck und singen f├╝r den Frieden.

Steckenpferdreiten: eine lebendige Tradition

Im Jahr 2006 nahmen mehr als 1400 Kinder aus Osnabr├╝ck und der t├╝rkischen Partnerstadt ├çanakkale an diesem Brauch teil. Selbst im amerikanischen Evansville in Indiana wurde das Steckenpferdreiten schon zelebriert. Die befreundete Stadt feierte 1998 mit der deutschst├Ąmmigen Bev├Âlkerung das 350. Jahr der Wiederkehr des Westf├Ąlischen Friedens. Daf├╝r durften Sch├╝ler aus Osnabr├╝ck in die USA reisen. Au├čerdem gibt es ein Denkmal aus Bronze, das einen Jungen auf einem Steckenpferd zeigt. Es wurde vom ortsans├Ąssigen Bildhauer Hans Gerd Ruhe erschaffen, stand zun├Ąchst vor der Osnabr├╝cker Stadthalle und ist nun in der Katharinenkirche zu finden.

Ein Steckenpferd selbst machen

Ein Steckenpferd macht auch Kindern au├čerhalb von Osnabr├╝ck Spa├č und kann leicht selbst gemacht werden. Auf der Seite selbermachen.de gibt es eine ausf├╝hrliche Anleitung und eine Schablone f├╝r den Kopf. An Materialkosten muss man mit rund vier Euro plus Farbe rechnen. Man ben├Âtigt jedoch einiges an Werkzeug, n├Ąmlich eine Elektrostichs├Ąge, eine Bohrmaschine mit St├Ąnder und einen Exzenter zum Schleifen. Mit ein wenig Geschick l├Ąsst sich so ein zeitloses Kinderspielzeug fertigen, das in Farben nach Wunsch lackiert oder nat├╝rlich belassen werden kann.

Das Besenwerfen

Das Besenwerfen, auch als Bessensmieten bekannt, ist eine nieders├Ąchsische Sportart, die nach den Regeln des Bo├čelns gespielt wird. Es treten zwei Mannschaften gegeneinander an. Sie versuchen, eine festgelegte Strecke mit m├Âglichst wenigen W├╝rfen zu ├╝berwinden. Meist handelt es sich dabei um einen Kilometer. Gespielt wird dabei mit Reisigbesen, die allerdings keinen Stiel haben. Sie werden wie Schleuderb├Ąlle geworden. Der Besen wird immer genau von dort geschleudert, wo er zuvor landete. Die Mitglieder einer Mannschaft sind reihum am Zug.

Das Besenwerfen wurde vielleicht erfunden, weil in manchen Gegenden das Bo├čeln wegen schlechter Wege oder eines dichten Bewuchses der Landschaft nicht m├Âglich war. Es handelt sich jedoch um eine reine Spa├čsportart, bei der es ÔÇô anders als beim Bo├čeln ÔÇô keine offiziellen Wettk├Ąmpfe gibt.

Das Pfingstbaumpflanzen

Das Pfingstbaumpflanzen ist eine der Traditionen, die in Niedersachsen noch sehr lebendig sind. Regelm├Ą├čig zu Pfingsten wird dieses Brauchtum praktiziert, wobei die Organisation h├Ąufig von Gruppen oder Vereinen ├╝bernommen wird. Es gibt jedoch keine einheitliche Ausf├╝hrung, sondern es haben sich die verschiedensten regionalen Traditionen rund um den Brauch entwickelt. Eine zentrale Rolle spielen dabei meistens junge Birken, die entweder mit bunten B├Ąndern oder mit Laubkronen aus Eichenlaub geschm├╝ckt werden. Die Birken werden zu Pfingsten an die H├Ąuser gebunden, der Stamm wird eingegraben oder in Wasser gestellt. Der Brauch ist meist mit gro├čen Festlichkeiten verbunden.

Der Ursprung dieser Tradition soll auf die Germanen zur├╝ckgehen, die sich im Fr├╝hjahr frische Birken vor die T├╝r gestellt haben, um b├Âse Geister fernzuhalten, wie es hei├čt. Eine ├Ąhnliche Tradition ist der Maibaum, der in vielen deutschen Gemeinden noch aufgestellt wird. Immer sind diese B├Ąume ein Symbol f├╝r die Fruchtbarkeit und Ausdruck der Freude ├╝ber den wiederkehrenden Fr├╝hling.

Unverheiratete M├Ąnner haben sich fr├╝her mit einem Pfingstbaum auf die Suche nach einer Braut gemacht. Daf├╝r gingen sie zu den H├Ąusern, in denen ledige T├Âchter wohnten, und platzierten davor ihre frisch geschlagene Birke. Damit die Angebetete wei├č, wem sie die Ehre zu verdanken hat, schnitzt der Freier seinen Namen ins Holz oder schreibt ihn auf ein Herz, das er in die Zweige h├Ąngt. Nach einer festgelegten Zeit wird das B├Ąumchen wieder abgeholt. Danach gibt es in vielen F├Ąllen ein neues Liebespaar!

Foto: Clipdealer

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