Dein Niedersachsen
Rubrik Region Traditionen

Das Steckenpferdreiten und andere Traditionen

Steckenpferdreiten, Besenwerfen und Pfingstbaumpflanzen in Niedersachsen

Manche Traditionen sind wohl bekannt, andere hingegen sind schon beinahe ins Vergessen geraten. Wir werfen ein Schlaglicht auf wunderbare, niedersächsische Gewohnheiten. Steckenpferde dürften den meisten Erwachsenen noch ein Begriff sein, während viele Kinder diese Pferdeköpfchen auf einem Stab bzw. Stecken nicht mehr kennen. Ein Steckenpferd klemmt man sich zwischen die Beine und läuft dann damit herum, als reite man ein echtes Pferd. Was wie ein altertümliches Kinderspiel scheint, hat in Wahrheit zusätzlich eine traditionelle und auch bedeutsame Komponente.

Steckenpferdreiten in Osnabrück

Das Steckenpferdreiten ist ein Brauch aus Osnabrück, der dort an den Friedensschluss von 1648 zur Beendigung des 30-jährigen Krieges erinnert. Zum ersten Mal wurde dieses Friedensfest zum 300. Geburtstag der Stadt gefeiert. Das fand am 22. Oktober 1948 statt und erinnerte an den Westfälischen Frieden zwischen Osnabrück und Münster. Seit 1953 ist es jährlicher Brauch, dass die Kinder der vierten Klassen in Gedenken an diesen Tag auf Steckenpferden zum Rathaus „reiten“.  Anfänglich handelte es sich dabei nur um Jungen, heute nehmen jedoch alle Kinder unabhängig vom Geschlecht daran teil. Anschließend findet ein Kinderfest im im Zentrum der Altstadt statt.

Dieser Brauch beruht wiederum auf einer Legende, die eigentlich aus Nürnberg stammt. 1650, am Nürnberger Exekutionstag, welcher der Klärung verschiedener Fragen rund um den Westfälischen Frieden diente, ritten einige Jungen auf Steckenpferden zum Fürsten und baten um ein Andenken an den Frieden. Dieser ließ dann Münzen prägen, die auf einer Seite Jungen auf Steckenpferden zeigten. Diese Münzen sind historisch belegt.

Zwei regionale Dichterinnen griffen die Geschichte auf und verlegten den Ort der Handlung nach Osnabrück. Niedergeschrieben wurde sie im Geschichtenbuch für die Jugend von 1875. So wurde das Steckenpferdreiten zu einer Osnabrücker Tradition, die auch heute noch lebendig ist. Die Kinder reiten mit ihren selbst gemachten Steckenpferden und bunten Hütchen zum Rathaus von Osnabrück, denn hier wurde 1648 im Rathaussaal der Friedensvertrag unterschrieben. Der Oberbürgermeister empfängt die Kleinen mit süßen Brezeln, während das Lied der Steckenpferdreiter erklingt. Es wurde extra für diesen Zweck komponiert und beginnt mit den Worten:

Wir Reiter ziehn durch Osnabrück und singen für den Frieden.

Steckenpferdreiten: eine lebendige Tradition

Im Jahr 2006 nahmen mehr als 1400 Kinder aus Osnabrück und der türkischen Partnerstadt Çanakkale an diesem Brauch teil. Selbst im amerikanischen Evansville in Indiana wurde das Steckenpferdreiten schon zelebriert. Die befreundete Stadt feierte 1998 mit der deutschstämmigen Bevölkerung das 350. Jahr der Wiederkehr des Westfälischen Friedens. Dafür durften Schüler aus Osnabrück in die USA reisen. Außerdem gibt es ein Denkmal aus Bronze, das einen Jungen auf einem Steckenpferd zeigt. Es wurde vom ortsansässigen Bildhauer Hans Gerd Ruhe erschaffen, stand zunächst vor der Osnabrücker Stadthalle und ist nun in der Katharinenkirche zu finden.

Ein Steckenpferd selbst machen

Ein Steckenpferd macht auch Kindern außerhalb von Osnabrück Spaß und kann leicht selbst gemacht werden. Auf der Seite selbermachen.de gibt es eine ausführliche Anleitung und eine Schablone für den Kopf. An Materialkosten muss man mit rund vier Euro plus Farbe rechnen. Man benötigt jedoch einiges an Werkzeug, nämlich eine Elektrostichsäge, eine Bohrmaschine mit Ständer und einen Exzenter zum Schleifen. Mit ein wenig Geschick lässt sich so ein zeitloses Kinderspielzeug fertigen, das in Farben nach Wunsch lackiert oder natürlich belassen werden kann.

Das Besenwerfen

Das Besenwerfen, auch als Bessensmieten bekannt, ist eine niedersächsische Sportart, die nach den Regeln des Boßelns gespielt wird. Es treten zwei Mannschaften gegeneinander an. Sie versuchen, eine festgelegte Strecke mit möglichst wenigen Würfen zu überwinden. Meist handelt es sich dabei um einen Kilometer. Gespielt wird dabei mit Reisigbesen, die allerdings keinen Stiel haben. Sie werden wie Schleuderbälle geworden. Der Besen wird immer genau von dort geschleudert, wo er zuvor landete. Die Mitglieder einer Mannschaft sind reihum am Zug.

Das Besenwerfen wurde vielleicht erfunden, weil in manchen Gegenden das Boßeln wegen schlechter Wege oder eines dichten Bewuchses der Landschaft nicht möglich war. Es handelt sich jedoch um eine reine Spaßsportart, bei der es – anders als beim Boßeln – keine offiziellen Wettkämpfe gibt.

Das Pfingstbaumpflanzen

Das Pfingstbaumpflanzen ist eine der Traditionen, die in Niedersachsen noch sehr lebendig sind. Regelmäßig zu Pfingsten wird dieses Brauchtum praktiziert, wobei die Organisation häufig von Gruppen oder Vereinen übernommen wird. Es gibt jedoch keine einheitliche Ausführung, sondern es haben sich die verschiedensten regionalen Traditionen rund um den Brauch entwickelt. Eine zentrale Rolle spielen dabei meistens junge Birken, die entweder mit bunten Bändern oder mit Laubkronen aus Eichenlaub geschmückt werden. Die Birken werden zu Pfingsten an die Häuser gebunden, der Stamm wird eingegraben oder in Wasser gestellt. Der Brauch ist meist mit großen Festlichkeiten verbunden.

Der Ursprung dieser Tradition soll auf die Germanen zurückgehen, die sich im Frühjahr frische Birken vor die Tür gestellt haben, um böse Geister fernzuhalten, wie es heißt. Eine ähnliche Tradition ist der Maibaum, der in vielen deutschen Gemeinden noch aufgestellt wird. Immer sind diese Bäume ein Symbol für die Fruchtbarkeit und Ausdruck der Freude über den wiederkehrenden Frühling.

Unverheiratete Männer haben sich früher mit einem Pfingstbaum auf die Suche nach einer Braut gemacht. Dafür gingen sie zu den Häusern, in denen ledige Töchter wohnten, und platzierten davor ihre frisch geschlagene Birke. Damit die Angebetete weiß, wem sie die Ehre zu verdanken hat, schnitzt der Freier seinen Namen ins Holz oder schreibt ihn auf ein Herz, das er in die Zweige hängt. Nach einer festgelegten Zeit wird das Bäumchen wieder abgeholt. Danach gibt es in vielen Fällen ein neues Liebespaar!

Foto: Clipdealer

Weitere Informationen

Osnabrücker Land

Redaktion

Förderung: Straße der Megalithkultur

Michael Weber

Schloss Osnabrück

Redaktion

Zeitgeist – das Werden des Helden

Michael Weber

Weihnachtsmärkte in Niedersachsen 2011

Michael Weber

Landkreis Osnabrück

Redaktion