Routen der Industriekultur

Geschichte in Hannover erleben

ein Niedersachsen-Artikel von Michael Weber - 27.12.2010
Routen der Industriekultur

Eines der größten Industriezentren in Norddeutschland existierte im 19. und 20. Jahrhundert in der Region Hannover. Mit Hanomag (heute Komatsu), Pelikan, Bahlsen, Continental oder auch Ahrberg gab bzw. gibt es noch heute, vier Industriegiganten in der Landeshauptstadt von Niedersachsen. Produktionsstätten wurden zum Teil längst verlagert, Eigentümer wechselten, ja selbst der Name wurde wie bei Hanomag zum Teil geändert. An die alten Zeiten erinnern nur noch Archive oder Bildbände. Und zum Teil auch Hinterlassenschaften in der Region Hannover. Denn in ganz Niedersachsen finden sich zahlreiche Industriegelände, die nicht mehr genutzt werden, davon sehr viele in der Region Hannover.

Von den genannten Unternehmen gibt es neben den aktuellen Verwaltungs- und Produktionsstätten in Niedersachsens Landeshauptstadt gleich eine ganze Reihe Überreste zu sehen. Um diese historisch interessanten Stätten den interessierten Menschen nahezubringen, hat der hannoversche Verkehrsbetrieb üstra eine Broschüre veröffentlicht. In dieser werden unter dem Titel „Wurst, Wärme und Wolle“ interessante Fakten und Geschichten rund um das Industriezentrum in Hannover beschrieben.

Ausgestattet mit dieser oktavheftgroßen Broschüre geht es mit der Buslinie 100 quer durch Hannover. An dieser Linie liegen die wichtigsten Industrieüberreste aus der Zeit von vor ca. 100 Jahren. Somit kann eine Busfahrt die Wirtschafts- und Industriegeschichte Niedersachsens und Hannover greifbar machen. Ob im Ahrberg-Viertel (Wurst) in Linden-Süd, an der Glocksee (Wärme) in Linden-Nord oder gegenüber am Ihme-Zentrum (Wolle) – an jeder der insgesamt 25 Stationen zwischen der List und Linden lohnt es sich, kurz auszusteigen und die Spurensuche zu vertiefen.

Die Linie 100 ist aber nur eine von insgesamt fünf „Routen der Industriekultur“, die im Internet auf www.industriekultur-hannover.de zu finden sind. Eine zweite Route führt unter dem Namen „Schiffe, Schienen, Schächte“ von Hannover-Anderten über Ahlten nach Lehrte und Sehnde.  Auf dieser Linie liegen unter anderem Anlagen der Eisenbahn, Kalihalden, Ziegeleigelände, die Schleuse Sehnde-Bolzum, das Bergwerk Hohenfels sowie ein Zementwerk.

Die Route „Linden, Leine, Limmer“ bietet viel Grün und führt durch Hannover-Linden und Hannover-Limmer bis nach Ahlem. Höhepunkte dieser Fuß- oder Fahrradtour sind die schönste Brücke Hannovers, der üstra-Betriebshof Glocksee, die ehemalige Bettenfedernfabrik, Leibniz Wasserkunst, Continental in Limmer und Sprudella-Obstmost in Ahlem. Ebenfalls auf der Strecke liegen die KZ-Außenlager Limmer und Ahlem sowie die frühere jüdische Gartenbauschule. Alternativ lassen sich alle Ziele mit der Stadtbahnlinie 10 erreichen.

„Knigge, Kalk und Korn“ heißt die Strecke eines rund zehn Kilometer langen Spaziergangs vom Rittergut Bredenbeck zum Hermannshof nach Völksen durch den östlichen Deister. Ohne diesen gut 20 Kilometer langen Höhenzug ist die industrielle Entwicklung der Region Hannover kaum vorstellbar. Er war der größte Rohstofflieferant und lieferte neben Baumaterial  und Werkstoffen wie Holz, Stein oder Kalk auch Steinkohle als wertvollen Brennstoff. Alte Kohleabbaustätten und eine Glashütte liegen beispielsweise auf dieser Route der Industriekultur.

Die fünfte Route führt unter dem Titel „Güter, Gleise und Gummi“ an Stätten des Maschinen- und Fahrzeugbaus vorbei. VW-Nutzfahrzeuge, die Continental AG oder die ehemalige Varta AG liegen auf dieser Route der Industriekultur. Ebenso Traditionsunternehmen wie Honeywell. Die Route führt vom Rangierbahnhof Seelze entlang des Mittellandkanals bis zur Hindenburgschleuse in Anderten -  oder wahlweise nur bis zum Yachthafen List.

Wer Industriekultur in Niedersachsen erleben will, findet in der Landeshauptstadt Hannover viele faszinierende Überreste, die sich für einen Besuch lohnen. Mit den fünf vorgezeichneten Routen der Industriekultur finden Interessierte einen leichten Zugang zu diesen Orten und können zum Teil auf üstra-Strecken interessante Tagesausflüge erleben.

Kleine Begleithefte der Touren sind im üstra-Kundenzentrum in Hannovers Karmarschstraße, der Touristen-Information am Ernst-August-Platz sowie im Bürgerbüro in der Hildesheimer Straße erhältlich. Im Frühjahr soll es weitere Veröffentlichungen geben. Zusammengefasst sind die bisherigen Informationen auch im Buch „Kali, Kohle und Kanal“ (Hinstorff Verlag). Auf mehr als 300 Seiten und mit über 240 aktuellen und historischen Aufnahmen beleuchten Dr. Axel Priebs Dezernent für Umwelt, Planung und Bauen der Region Hannover, und das Autorenteam Christiane Schröder, Sid Auffarth und Manfred Kohler 150 Jahre Industriekultur in Hannover und dem Umland.

Foto: Anlage Glocksee um 1915 mit Straßenbahnwerkstätten und Schornsteinen des Kraftwerks (üstra-Archiv)

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