Freilichtmuseum am Kiekeberg in Ehestorf

Spannende Begegnung mit der Vergangenheit

ein Niedersachsen-Artikel von Redaktion - 06.01.2019
Freilichtmuseum am Kiekeberg - Handwerkermuseum - Foto: Stiftung Freilichtmuseum am Kiekeberg

Im Landkreis Harburg, zwischen den Orten Ehestorf und Vahrendorf in den Harburger Bergen, befindet sich das ca. 12 ha große Freilichtmuseum am Kiekeberg, in dem das Leben und Arbeiten der Menschen in der Lüneburger Heide und der Elbmarsch vom 16. Jahrhundert  bis in die Nachkriegszeit hautnah erlebbar wird. Historische Gebäude und Gärten, altes Handwerk, alte Nutztierrassen, verschieden Themenausstellungen und Mitmachzonen laden zum Entdecken ein. Das Museumsangebot wird durch eine große Bandbreite an Veranstaltungen für jede Altersklasse abwechslungsreich ergänzt. Darüber hinaus besitzt das Kiekeberger Freilichtmuseum mehrere Außenstellen im Umkreis.

Geschichte des Freilichtmuseums

Die rasante Entwicklung im Hinblick auf Modernisierung und Technisierung machte sich auch in den Heidedörfern ab 1900 bemerkbar. Prof. Willi Wegewitz, der damalige Leiter des Hamburger Helms-Museums in Harburg, beschäftigte sich bereits ab den 1930er-Jahren intensiv mit dem Gedanken, ein Freilichtmuseum einzurichten, damit die jahrhundertealte Lebenswelt der Heidebauern mit ihren Gebäuden, Schätzen und Zeugnissen erhalten bleibt.

1953 gründete er das Freilichtmuseum am Kiekeberg als Außenstelle des Hamburger Helms-Museum. Originalgebäude von Heide- und Elbmarsch-Höfen aus der Region wurden aufgekauft, abgetragen und auf dem Museumsgelände wieder aufgebaut. Rund um das erste wiederaufgebaute Gebäude, den Honigspeicher aus Riepshof bei Otter, entstand zügig ein ganzes Heidedorf. Unter dem Nachfolger Claus Ahrens wurden ab 1966 die historischen Gärten angelegt, Erweiterungen durchgeführt und die Museumspädagogik in das Museumskonzept integriert. Der Landkreis Harburg kaufte 1987 das Museum von der Stadt Hamburg, neuer Leiter wurde Rolf Wiese. Zahlreiche Außenstellen des Museum im Umland konnten in den folgenden Jahren realisiert werden. Im Jahre 2003 erfolgte die Überführung des Freilichtmuseums in eine rechtsfähige Stiftung des privaten Rechts, was mehr Selbständigkeit und Unabhängigkeit bedeutete.

Neben dem unermüdlichen Bewahren der Traditionen und der Wissensvermittlung, engagiert sich das Museum bereits seit 1988 für die integrative Behindertenarbeit und hat Maßstäbe gesetzt. Im Jahre 2008 errichtete die Stiftung in der Außenstelle Museumsbauerndorf Wennerstorf ein Wohnheim für Behinderte, die im authentischen Heidedorf wohnen und arbeiten. Mit dem Agrarium (2012) und den Spielewelten (2016) entstanden weitere große Highlights, die den Besucherzustrom wachsen ließen. Nimmermüde geht es seither weiter und so wurde 2018 der erste Spatenstich für ein neues Projekt getätigt: Die Königsberger Straße, in der das Leben von den Wirtschaftswunderjahren bis in die 1970er Jahre dargestellt wird.

Als Forschungseinrichtung für Kultur und Geschichte der Lüneburger Heide und der Winsener Elbmarsch hat das Freilichtmuseum am Kiekeberg in Kooperation mit Universitäten und externen Forschern einen großen Stellenwert in der Region sowie überregional. Die umfangreiche wissenschaftliche Bibliothek ist für Interessierte nach vorheriger Anmeldung zugänglich.

Gliederung der Museumsbereiche/Themenwelten und Zeitreisen

Das Kiekeberger Freilichtmuseum ist nicht nur ein Freilichtmuseum, das eine bestimmte Zeitspanne mit historischen Gebäuden, Exponaten und praktisch erlebbarere Geschichte in der Lüneburger Heide abbildet, denn hier wird der Zeitraum ab dem 16. Jahrhundert bis in die Nachkriegszeit in allen Facetten dargestellt, was so einzigartig in Deutschland ist. Nachfolgend ein Überblick über die Museumsbereiche:

  • Historische Gebäude
    Die historischen Gebäude zeigen einen repräsentativen Querschnitt durch die Architektur und Ausstattung vom 16. Jahrhundert bis in die Nachkriegszeit.
  • Heidedorf & Marschendorf
    Im Zentrum der frühen Zeitgeschichte stehen das Heidedorf und das Marschendorf mit historischen Gebäuden aus der Zeit vom 16. bis 20. Jahrhundert. Im Heidedorf sind neben verschiedenen Bauernhäusern und Höfen in ihrer traditionellen Bauweise und aus unterschiedlichen Heideregionen auch einzelne Werk- und Arbeitsstätten zu bestaunen, darunter Schmiede, Backhaus, Dragonerscheune, Honigspeicher. Im Marschendorf finden sich eindrucksvolle Gebäude aus dem 16. Jahrhundert wie der Hof Meyn aus Marschacht und die Scheune aus Tespe. Weitere Highlights sind der Tanzsaal mit Museumsbrennerei und das Pfarrwitwenhaus aus Marschacht, in dem der Museumsgasthof „Stoof Mudders Kroog“ untergebracht ist, in dem die Besucher in historischem Ambiente leckere Gerichte nach original alten Rezepten genießen können.
  • Industriezeit auf dem Dorf
    Die Entwicklung ländlicher Industriebetriebe hat in den Heidedörfern Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen und somit auch das Erscheinungsbild verändert. In diesem Bereich können u.a. das Betonteilefertigwerk aus Oelstorf (1900), die Göpelschauer aus Groß-Todtshorn (1880/90), der Kartoffelspeicher aus Ottersen (1887), die Rekonstruktion einer ländlichen Ziegelei (1850), eine Widderanlage (1910) und das Windrad aus Asendorf (1900) erkundet werden. 
  • Nachkriegszeit auf dem Lande
    Unmittelbar nach Ende des Zeiten Weltkrieges werden von den Briten die sogenannten Nissenhütten als Notunterkünfte für Flüchtlinge, Vertriebene und Kriegsgeschädigte im Besatzungsgebiet aufgebaut. Die runden Wellblechhäuser geben einen Einblick in die Lebenssituation. Die 1950er Jahren bringen den wirtschaftlichen Aufschwung, der Wind dreht auf modern, es will wieder gelebt werden, auch auf dem Land. Einer der letzten originalen Milchpilze-Kioske aus den Fünfzigern steht im Freilichtmuseum stellvertretend für die neue bunte Ära.
  • Erweiterungsprojekt Königsberger Straße Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder
    Ein Straßenzug mit Gebäuden von 1945 bis 1970 ist derzeit in der Realisierungsphase und wird die Zeitspanne der Geschichte komplettieren. Neben typischen Wohngebäuden aus den Jahrzehnten werden auch eine Tankstelle, ein Aussiedlerhof, eine Ladenzeile und ein Quelle-Fertighaus entstehen.
  • Gelebte Geschichte 1804 und 1904
    Mitten im Geschehen der Vergangenheit - Im Pringens Hof und den Nebengebäuden finden die Aktionstage „Gelebte Geschichte 1804 und 1904“ statt. Der Gebäudekomplex ist detailgetreu wie vor 200 eingerichtet und wird zu bestimmten Terminen mit „Darstellern“ in historischen Kostümen bevölkert, die den authentischen Lebensalltag dieser Zeit für die Gäste darstellen. Es wird gewaschen, gekocht, gedrescht, geflachst, gebraut, je nach Aktionsthema. So mancher staunt nicht schlecht, wenn er Bauer, Bäuerin, Knecht, Magd oder Fischer bei der Arbeit zusieht und den detaillierten Ausführungen lauscht.
  • Haus des Handwerks
    In der Scheune aus Tespe im Marschendorf kommen traditionelle Handwerkstechniken zu neuen Ehren. Welche Handwerksberufe gibt es noch und wie haben sie sich über die Jahrhunderte verändert? Welche Berufe sind selten oder gar ausgestorben? Auf diese und viele andere Fragen zur Entwicklung des Handwerks gibt es hier Antworten.
    Im Erdgeschoss können sich Besucher über die Handwerke für den täglichen Bedarf informieren, im Obergeschoss dreht sich alles um das Bauhandwerk. In den angebotenen Handwerkskursen werden Kenntnisse und praktische Fertigkeiten vermittelt. Beim Korbflechten, Lehmbau, Schmieden, Schuhe herstellen oder Steinbildhauern legen die Gäste selbst Hand an!
  • Historische Gärten/Landwirtschaftlicher Entdeckergarten
    An verschiedenen Gebäuden von Heide- und Marschendorf sind historische Gärten als Nutz- oder Ziergarten angelegt. Den Jahreszeiten entsprechend gedeihen hier Obst, Gemüse, Kräuter aber auch bezaubernde Blumen. Darüber hinaus finden sich spezielle Schaugärten und der landwirtschaftliche Entdeckergarten, in denen heimische, vom Aussterben bedrohte Obst- und Gemüsesorten angepflanzt und vermehrt werden, um sie zu erhalten.
  • Alte Nutztierrassen
    Nicht fehlen dürfen die typisch regionalen Nutzzierrassen aus der Vergangenheit, die heute ebenfalls vom Aussterben bedroht sind, da sie den Anforderungen der modernen Produktion nicht mehr genügen. In den historischen Dörfern werden Bunte Bentheimer Schweine, Bentheimer Landschafe, Ramelsloher Hühner, Schleswiger Kaltblut, Schwarzbuntes Niederungsvieh, Pommersche Gänse und Honigbienen gehegt und gepflegt und erfreuen das Auge des Besuchers. Den Tieren stehen auf dem Museumsgelände weitläufige Weiden zur Verfügung.
  • Altes Handwerk
    Traditionelles Handwerk live erleben - Im Freilichtmuseum finden sich verschiedene Einrichtungen, in denen altes Handwerk wieder auflebt. Ob Museumsbrennerei, Museumsbäckerei, Museumsschmiede, Museumsweberei oder Kaffeerösterei - Besucher können Zuschauen, Mitmachen, Kurse belegen und die Produkte erwerben. 
  • Agrarium
    „Ernährung in der Landwirtschaft gestern und heute“ - So ist der Museumsbereich Agrarium überschrieben, in dem die Besucher auf drei Etagen anschaulich und aktiv eingebunden erfahren, wie Lebensmittel früher hergestellt wurden und was sich heute verändert hat oder auch gleich geblieben ist. Die Ausstellung mit interessanten Exponaten und Mitmachstationen setzt Landwirtschaft und Ernährung in direkten Bezug. Zu den großen Themen zählen Ackerbau und Viehzucht, Weiterverarbeitung von Rohstoffen, Inhaltsstoffe, Lebensmittelsicherheit, Qualität. Rund um das Agrarium gibt es ein abwechslungsreiches Begleitprogramm mit Aktionstagen, Kursen und museumspädagogischen Veranstaltungen für Schulklassen. Noch mehr Praxis in Bezug auf Nahrungsmittel bei gleichzeitigem Genuss eröffnet das Rösterei-Café „Koffietied“. Hier wird der Kaffee in Schauaktionen auf einer historischen Röstmaschine geröstet, der dann natürlich frisch aufgebrüht zu genießen ist. Außerdem können Besucher an Kaffeeschulungen teilnehmen, um alles über das schwarze Gold zu lernen.
  • Spielewelten
    In der Dauerausstellung Spielewelten werden Kindheitserinnerungen wahr für die älteren Besucher, die jungen staunen nicht schlecht über die Dinge, mit denen Kinder früher gespielt haben oder kommen beim Anblick von Spielen, die sie selbst noch vor Jahren eifrig genutzt haben, ins Schwärmen. Auf 650 qm wird die Entwicklung der Spielzeugkultur, insbesondere nach 1945, mit mehr als 1.000 Exponaten gezeigt. Begehbare Spielzeugläden aus verschiedenen Zeitepochen entführen in zauberhafte Spielewelten. Die Besucher erfahren, wie beliebte Spielzeugmarken, darunter Lego, Carrera, Matchbox oder Barbie, groß geworden sind, was das meistverkaufte Spielzeug der Welt ist und welche Innovationen und Neuerfindungen es in Sachen Spielzeug in den letzten Jahrzehnten gegeben hat. Selbstverständlich ist auch Spielen erlaubt in dieser Ausstellung, es warten zahlreiche Mitmachstationen mit Spiele-Klassikern wie Pacman, Pong, Tamagochi oder Schiffe versenken. Ein Highlight ist die Playmobil-Burg mit über 500 Teilen.
  • Wassererlebnispfad
    Dem Lebenselixier Wasser widmet sich der Wassererlebnispfad in all seinen bedeutenden Facetten. Der Pfad ist in verschiedene Stationen unterteilt, die Wissenswertes über Wasserbeschaffung und Wasserversorgung früher und heute vermitteln. Auch hier gibt es mehrere Aktivstationen, an denen z.B. ein Brunnen bedient oder Wasser nach alter Manier in Eimern über der Schultern getragen werden kann. Der große Wasserspielplatz führt Klein und Groß spielerisch an das Thema heran und bietet ein feucht-fröhliches Vergnügen.
  • Vorführungen, Museumspädagogik, Kurse, Veranstaltungen, besondere Angebote
    Es ist immer was los im Freilichtmuseum am Kiekeberg: Führungen, Vorführungen zu den Themen Landleben, Handwerk, Technik, Kurse der Museumsakademie, Mitmach-Angebote für Kinder, spezielle Senioren-Programme, museumspädagogische Angebote für Kindergärten und Schulklassen sowie Ferienkurse.

Hinzu kommen im Laufe des Jahres etliche Veranstaltungen, darunter Pflanzenmarkt, Rosenmarkt, Kunsthandwerkermarkt, Historischer Jahrmarkt, Historischer Kindermarkt, Weihnachtsmarkt, Kartoffelfest, Oldtimertreffen, Traktorentreffen. Kinder können im einmaligen Ambiente ihren Geburtstag feiern. Eine Trauung in der alten Schmiede und die große Feier im Tanzsaal lassen sich ebenso im Freilichtmuseum am Kiekeberg realisieren. Weiterhin sind verschiedene Räume auch für private oder betriebliche Feiern und Veranstaltungen anzumieten.

Außenstellen des Freilichtmuseums

Noch mehr historische Gebäude und Zeugnisse aus der interessanten Vergangenheit bieten sich in den Außenstellen in der gesamten Region, die zusammen mit dem Freilichtmuseum ein umfassendes Bild vom Leben über vier Jahrhunderte zeigen:

  • Museumsbauerndorf Wennerstorf: Hofanlage aus dem 16. Jahrhundert,  Behindertenarbeit und ökologische Landwirtschaft
  • Mühlenmuseum Moisburg: Historische Amtswassermühle, Dauer- und Sonderausstellungen zur regionalen Mühlengeschichte
  • Feuerwehrmuseum Marxen im Fachwerkdorf: Geschichte des ländlichen Feuerlöschwesens
  • Museumsstellmacherei Langenrehm: Historische Werkstatt, in der das Leben und Arbeiten einer Stellmacherfamilie vermittelt wird
  • Sägewerk Wulfsen: Gebäudeensemble aus Mühle, Sägewerk, Wohnhaus eines Müllers
  • Schlauchturm mit Spritzenhaus Salzhausen: Typisch ländliche Feuerwehranlage
  • Rieselwiesen mit dem Weidenhof: Alte Bewässerungstechnik
  • Transformatorenhaus Putensen: Eines der letzten Zeugnisse der Elektrifizierung
  • Widderanlage Gödenstorf: Typisch ländliche Wasserversorgungsanlage
  • Ziegelei Rusch Drochtersen-Ritsch als Partner des Museums

Adresse

Stiftung Freilichtmuseum am Kiekeberg
Am Kiekeberg 1
21224 Rosengarten-Ehestorf
https://kiekeberg-museum.de

Öffnungszeiten sind ganzjährig, in den Wintermonaten November bis März schließen die historischen Gebäude bei Anbruch der Dunkelheit.

Foto: Stiftung Freilichtmuseum am Kiekeberg

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