EU-Budget Wellen schlägt

Wie Deutschlands Forderungen beim EU-Budget Wellen schlägt

von Otto Hofmann
5 Minuten Lesedauer

Deutschland hat einen tiefen Felsen ins Wasser geworfen, indem es seine Forderungen für das EU-Budget 2028-2034 auf den Tisch gelegt hat. Im Kern steht eine klare Botschaft: keine Erhöhung des Budgets und eine strikte Kontrolle über die Verteilung der Gelder. Das neue Kabinett unter Friedrich Merz warnt vor einer Erhöhung des europäischen Haushalts und fordert sogar eine neue Rückerstattung für Deutschlands Beiträge, die mit 23,6 % des gesamten Budgets einen erheblichen Teil ausmachen. Diese Forderungen stießen auf Widerstand aus verschiedenen Ländern – insbesondere Frankreich, das eine deutlich ambitioniertere Budgetpolitik verfolgt.

Die schwierige Rechnung: Rückzahlung des Corona-Wiederaufbauplans

Im Hintergrund der Haushaltsdebatte steht die Rückzahlung des Corona-Wiederaufbauplans, der die EU 806 Milliarden Euro gekostet hat. Ab 2028 müssen jedes Jahr 15 Milliarden Euro für 30 Jahre zurückgezahlt werden. Insgesamt rechnet die Europäische Kommission mit einem jährlichen Finanzbedarf von 36 Milliarden Euro. Hinzu kommen neue Prioritäten wie die europäische Verteidigung, Unterstützung für die Ukraine, sowie Forschung und Migration.

Doch wie soll dieser riesige Betrag finanziert werden? Deutschland hat bereits einen Plan vorgelegt, um das EU-Budget umzustrukturieren. Unter Merz‘ Regierung sollen „strukturierte Reformen“ in den Mitgliedstaaten zur Voraussetzung für die Auszahlung von EU-Geldern werden. Dies bedeutet, dass alle bestehenden Ausgaben nach ihrer Effektivität überprüft werden müssen. Der deutsche Plan setzt auf leistungsorientierte Governance, was bedeutet, dass Programme, die keine klaren Ergebnisse liefern, gekürzt oder gestrichen werden.

Ein Europa nach Maß: Der deutsche Plan für mehr nationale Souveränität

Der deutsche Vorschlag zur EU-Finanzierung geht stark in Richtung eines „Europa nach Maß“, in dem jedes Land selbst bestimmen kann, wie es die europäischen Mittel verwendet. Dieses Modell erinnert an die flexiblen Strukturen der Corona-Wiederaufbaupläne, bei denen Staaten Gelder zwischen verschiedenen Programmen umschichten können. Während Deutschland dieses Modell begrüßt, fürchten viele, dass dies den europäischen Charakter der Programme verwässert. Ein Beispiel ist der Fonds für den gerechten Übergang, der speziell auf Regionen abzielt, die auf fossile Brennstoffe angewiesen sind. Bei einer vollständigen Umverteilung der Gelder könnte dieser europäische Ansatz verloren gehen und stattdessen nationale Interessen in den Vordergrund rücken.

Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) in Gefahr

Ein weiteres Anliegen ist die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP), die einen großen Teil des EU-Budgets ausmacht. Wird die Flexibilität zwischen den Ländern stärker ausgeweitet, könnte die Rolle von Brüssel als Koordinierungsstelle zunehmend in Frage gestellt werden. In einem Europa, in dem die Staaten mehr eigene Mittel verwalten können, wird der Einfluss der EU-Institutionen geschwächt, was vor allem den landwirtschaftlichen Sektor betreffen könnte.

Im Mai 2023 stimmte das Europäische Parlament gegen die von der EU-Kommission vorgeschlagene Budgetstruktur. Eine breite Koalition aus verschiedenen Fraktionen, darunter das Europäische Volkspartei (EVP), lehnt die Zusammenlegung von Programmen und den „flächendeckenden“ Einsatz von Geldern ab. Diese Diskussion zeigt, wie gespalten die EU über den richtigen Weg zur Finanzierung der kommenden Jahre ist.

Der Widerstand im Europäischen Parlament

Trotz der Festigkeit der deutschen Position gibt es im Europäischen Parlament starken Widerstand. Die EVP fordert weiterhin ein höheres Budget und setzt sich für eine Ausweitung der Finanzmittel in den Bereichen Verteidigung, Forschung und Landwirtschaft ein. Diese Gruppe befürwortet eine Erhöhung der Mittel, jedoch ohne den europäischen Bürger finanziell zu stark zu belasten. Hier treffen die Ziele der deutschen Regierung auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Mitgliedsstaaten und der EU-Institutionen, was zu einem fast unüberbrückbaren Spannungsfeld führt.

Wie geht es weiter? Der Finanzkampf und das Schicksal der EU

Die größten Herausforderungen bei der Erarbeitung des zukünftigen Budgets liegen nicht nur in den Verhandlungen über die Höhe der Mittel, sondern auch in den politischen Zusammenstößen zwischen den Mitgliedsstaaten. Der deutsche Fokus auf nationale Souveränität könnte langfristig die Einheit der EU gefährden, indem es zu einer stärkeren Fragmentierung und Wettbewerb unter den Staaten führt. Andererseits bleibt die Frage, wie die EU ihre globale Wettbewerbsfähigkeit stärken kann, wenn das Budget immer weiter beschnitten wird.

Am Ende der Verhandlungen wird es wahrscheinlich zu einem Kompromiss kommen, aber die zunehmenden Spannungen lassen die Frage aufkommen, ob die EU in der Lage ist, in einer gemeinsamen Vision zu handeln, die über nationale Interessen hinausgeht. Wie Mario Draghi es immer wieder betont hat, dürfen die Herausforderungen, vor denen Europa steht, nicht durch halbherzige Lösungen gelöst werden.