Buntes Bentheimer Schwein

Heimische Schweineart aus Westniedersachsen

ein Niedersachsen-Artikel von Redaktion - 19.06.2020
Buntes Bentheimer Schwein

Das Bunte Bentheimer Schwein bezeichnet eine schwarz gescheckte, alte Schweinerasse, die ihren Ursprung in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen hat. Das saftige und geschmackvolle Fleisch des Bentheimer Landschweins verf√ľgt √ľber einen hohen Speckanteil, was es in den entbehrungsreichen Nachkriegsjahren zu einem der gehaltvollsten Lebensmittel in den Zuchtregionen gemacht hat.

Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die deutsche Zucht in den heutigen nieders√§chsischen Landkreisen Grafschaft Bentheim, Emsland und Cloppenburg sowie im nordrhein-westf√§lischen Wettringen. Nach den Wirtschaftswunderjahren wurde zunehmend  mageres Fleisch nachgefragt, die Zahl der Zuchtbetriebe ging bedenklich zur√ľck, das Bunte Bentheimer Schwein geriet in Vergessenheit. Einem Z√ľchter aus der Grafschaft Bentheim ist es zu verdanken, dass es diese stark vom Aussterben bedrohte Schweinerasse √ľberhaupt noch gibt. Der eigens gegr√ľndete gemeinn√ľtzige Verein zur Erhaltung der alten Landrasse mit Sitz in Nordhorn setzt sich mit vielen Aktivit√§ten f√ľr das Nutztier ein. Heute, wo Geschmack, Nachhaltigkeit sowie die Bedeutsamkeit von Tradition und heimischer Artenvielfalt im Vordergrund stehen, ist auch das Bunte Bentheimer Schwein im wahrsten Sinne des Wortes wieder in aller Munde.

Merkmale, Zuchteigenschaften und Fleischqualität des Bentheimer Landschweins

Das Bunte Bentheimer Schwein ist unter den Schweinerassen eine optische Rarit√§t, man k√∂nnte auch sagen, die Kuh unter den Schweinen. Es besitzt √ľber den gesamten K√∂rper unregelm√§√üig verteilt schwarze Flecken in unterschiedlichen Gr√∂√üen. Die Grundfarbe ist grau, wei√ü oder hellrosa.

Seine Statur ist mittelgro√ü, zeigt sich langgestreckt, rahmig, mit kurzen Beinen und Schlappohren, wie es sich f√ľr den Typus eines Landschweins geh√∂rt. Der Eber erreicht eine Schulterh√∂he von bis zu 75 cm und kann bis zu 250 kg wiegen, die Schulterh√∂he der Sau wird mit ca. 70 cm angegeben, das Gewicht betr√§gt beim weiblichen Tier bis zu 180 kg. 

Das Bunte Bentheimer Schwein gilt als robust, stressresistent, gen√ľgsam und wenig anspruchsvoll in der Haltung. Es ist sehr fruchtbar und bringt entsprechend gerne und viel Nachwuchs zur Welt. Das Fleisch des Schweins ist f√ľr seine ausgezeichnete Qualit√§t in punkto Aussehen, Brateigenschaften Geschmack bekannt, die sich durch den hohen intramuskul√§ren Fettanteil ergibt.

Die Zucht dieser au√üergew√∂hnlichen Schweinerasse erfolgt ausschlie√ülich auf landwirtschaftlichen H√∂fen oder von Hobbyz√ľchtern, f√ľr die Massentierhaltung kommt das Landschwein nicht in Frage. Heute finden sich bundesweit Zuchtbetriebe f√ľr diese Art, da das Fleisch sehr begehrt ist. Die meisten Zuchth√∂fe haben sich dabei in Niedersachsen gehalten. Die nat√ľrliche Haltung gew√§hrt den Tieren viel Auslauf, Weidem√∂glichkeiten auf Wiesen oder in W√§ldern, das Zusammenleben in Gruppen und eine abwechslungsreiche F√ľtterung. Traditionell und dort, wo es m√∂glich ist, werden die Schweine saisonal mit Eicheln gef√ľttert.

Zuchtgeschichte der alten Landrasse

Mitte des 19. Jahrhunderts hatten auf den H√∂fen in Deutschland die B√§uerinnen die Verantwortung f√ľr die Schweinzucht. Die Frauen waren nicht nur von den wei√üen Landschweinerassen, sondern auch von den bunt gescheckten Schweinen angetan.

Im holl√§ndischen Grenzgebiet Niedersachsens (heutige Landkreise Bentheim, Emsland, Cloppenburg) wurde um 1840 mit der Zucht einer neuen Rasse begonnen, welche die Leistung der damaligen Hausschweine weit √ľbertreffen sollte. Dazu wurde das so genannte Marschschwein, als europ√§isches Landschwein, mit britischen Schweinen wie Berkshire-Eber und Cromwells eingekreuzt. Das Ergebnis der Kreuzungen waren bunt gescheckte Ferkel mit Schlappohren, die zur Weiterzucht genutzt wurden.

In den fr√ľhen 1950er Jahren erlebte das Bunte Bentheimer Schwein seine ausgesprochene Bl√ľtezeit. Gerade in den ersten Jahren nach Krieg und Wiederaufbau avancierte dieses Schwein zu einem ausgezeichneten Fleischlieferanten, es war einfach und g√ľnstig zu halten, sein Fleisch bot jede Menge Energie und Fett - alles in allem die ideale Grundlage f√ľr die damals noch schwierige Versorgung. W√§hrend das Wirtschaftswunder zunehmend in Fahrt kam, wurde Mitte der 1950er Jahre schon der Niedergang des Bentheimer Landschweins eingel√§utet. Die Nachfrage nach fettarmem Schweinefleisch stieg Ende der 1950er Jahre deutlich an. Zudem wurde die Schweinemast industrialisiert, billige Massentierhaltung l√∂ste die reine Hofhaltung vielerorts ab.

Das kurios anzuschauende Schwein galt in den 1980er-Jahren bereits als ausgestorben. Es w√§re auch l√§ngst ausgestorben, h√§tte nicht der Z√ľchter Gerhard Schulte-Bernd aus der Grafschaft Bentheim an ‚Äěseiner‚Äú Schweinerasse festgehalten. Seit den 1960er Jahren betrieb er seine Zucht weiter und leistete nebenbei auch √úberzeugungsarbeit f√ľr den Erhalt, die Weiterzucht und Vermarktung der Traditionsrasse. Bis in die 1990er Jahre hinein war er der einzige Landwirt mit dem gr√∂√üten Bestand. Deutschlandweit wurden zu dieser Zeit noch knapp 100 Tiere gez√§hlt.

Umwelt-, Tierschutz, Nachhaltigkeit und Qualit√§t bei Lebensmitteln f√ľhrten zusammen mit dem Engagement des Z√ľchters zur wiedererlangten Popularit√§t und Nachfrage des Bunten Bentheimer Schweins. Wie in den Anf√§ngen wird auch heute wieder ein Zuchtbuch gef√ľhrt. Der Verein ‚ÄěDie Swatbunten‚Äú, der 2003 gegr√ľndet wurde, hat es sich zur umfassenden Aufgabe gemacht, das immer noch vom Aussterben bedrohte Schwein in seiner genetischen Reinheit und als Kulturgut zu erhalten.

Vermarktung und Spezialitäten vom Bentheimer Schwein

Bentheimer Schweinefleisch gibt es nicht von der Stange und nicht als Massenware, daher sind auch die Vertriebswege regional organisiert. In Frage kommen der direkte Verkauf √ľber Hofl√§den der Erzeuger und die Lieferung an regionale Fleischerfachgesch√§fte, Feinkostl√§den und die heimische Gastronomie. Der Vertrieb √ľber Lebensmittel- und Superm√§rkte ist bisher nicht m√∂glich, k√∂nnte aber in einem n√§heren Umkreis der Erzeugerh√∂fe vielleicht in einigen Jahren zum Thema werden.

Das Bunte Bentheimer Schwein wird von Grillfreunden, Gourmets und Fleischfans hoch gesch√§tzt. Seine fettdurchzogene Marmorierung garantiert Zartheit und besten Geschmack. Es eignet sich auch hervorragend f√ľr die Herstellung von allen g√§ngigen Wurstwaren. Angeboten wird die gesamte Fleischpalette von Krustenbraten und Filet √ľber Oberschale, Schulter, Lende, Nuss, Bauch hin zu Schweinekarree und dem Presa aus dem Schulterblatt. In Bundesl√§ndern wie Nordrhein-Westfalen ist das Fleisch vom bunten Schwein Grundlage f√ľr den Westf√§lischen Knochenschinken, in Hessen wird daraus die Ahlen Wurst, als regionale Spezialit√§t, hergestellt.

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