Kilmerstuten oder Weggen

Brauchtumsspezialität im südwestlichen Niedersachsen

ein Niedersachsen-Artikel von Redaktion - 02.08.2018
Kilmerstuten oder Weggen

In Emsland, Osnabrücker Land, Oldenburger Münsterland und der Grafschaft Bentheim, die das südwestliche Niedersachsen abbilden, kennt man eine ganz besondere Spezialität, die mit einem traditionellen Brauch in Zusammenhang steht. Die Rede ist vom Kilmerstuten oder Weggen, auch der Ausdruck Kilberstuten ist je nach Region gebräuchlich. Dabei handelt es sich um ein Hefegebäck, auch Hefeteigbrot oder Hefezopf, der Eltern nach der Geburt eines Kindes gebracht wird. Im Oldenburger Münsterland wird dieser Brauch besonders zelebriert, die ansässigen Bäcker- und Fleischerinnungen haben ihren original Kilmerstuten nach altem Rezept sogar als Markenzeichen eintragen lassen.

Der Kilmerstuten im Detail

Der Kilmerstuten wird aus Weizenmehl, Butter oder Margarine, Eiern, Hefe, Milch, Wasser, Zucker, Salz und Rosinen hergestellt. Im Oldenburger Münsterland enthält er mindestens 40 % großbeerige Rosinen. Er kann als als Stuten (Kasten- oder Laibform) oder zu einem Hefezopf geflochten gebacken sein. Überzogen wird er mit Zuckerguss oder Fondant, auch die Verzierung mit Marzipanbuchstaben, die den Namen des Neugeborenen bilden, ist möglich.

Der Kilmerstuten ist ca. 1,5 m lang und bringt bis zu 7 kg auf die Waage. Je nach konkreter Region kann die Gebäcklänge auch nach der Anzahl der Kinder bestimmt sein. Handelt es sich um das erste Kind, misst der Stuten 1 m, beim zweiten zeigt er sich 2 m lang, usw. Der Kilmerstuten wird auf einer Holzleiter präsentiert und transportiert, die noch mit weiteren kleinen Präsenten für die Familie bestückt ist, z.B. Spielsachen, Kaffee, Butter.

Was zum Kilmerstuten gereicht wird

Süß und herzhaft heißt die Kombination, denn der Kilmerstuten mit vorwiegend süßer Note wird zusammen mit herzhaften Nahrungsmitteln verzehrt. Im Oldenburer Münsterland sind Butter und luftgetrockneter Schinken die ausschließlichen Partner. Darüber hinaus kommen verschiedene Wurstsorten, Lachs oder Käse in Frage. Kaffee und Tee ergänzen das besondere Mahl.

Der Brauch, der hinter dem Kilmerstuten steht

„Kilmerstuten oder Weggen wegbringen“ heißt der Brauch, der seitjeher in Norddeutschland zelebriert wird. Seinen Namen hat der Kilmerstuten vom so genannten Kindelbier, das anlässlich der Kindtaufe ausgeschenkt wurde.

Im Oldenburger Münsterland wird der alte plattdeutsche Ausdruck Kilmer mit Kindtaufe gleichgesetzt. „Weggen“ ist die gängige Bezeichnung in Emsland, Osnabrücker Land und in der Grafschaft Bentheim.

So ist es Brauch, dass der Kilmerstuten nach der Geburt für die Eltern gebacken und von Verwandten, Freunden und Bekannten zu ihnen nach Hause gebracht wird. Allerdings muss das innerhalb eines Jahres nach dem freudigen Ereignis geschehen. Aber nicht einfach so, sondern mit einem ganz besonderen Straßenzug und in feierlicher Montur. Schwarze Hosen und weißes Hemd bzw. Bluse lautet die Kleiderordnung. Herren tragen dazu einen Zylinder, an denen eine rot-weiß-karierte oder blau-weiß-karierte Schleife, je nach Geschlecht des Kindes, befestigt ist. Bei Frauen ist je nach Region eine Spitzenhaube als Kopfbedeckung beliebt, sie binden die farbige Schleife um den Hals oder nutzen ein entsprechendes Halstuch. Ebenfalls um den Hals getragen wird das obligatorische Schnapsglas.

Mit dem meterlangen Kilmerstuten, der von vier Personen getragen wird, geht es dann von Haus zu Haus und durch die auf dem Wege liegenden Gaststätten, um das Prachtstück zu präsentieren und ritualsmäßig zu fragen, ob das Kind hier sei. Bei dieser Gelegenheit kommt auch das Schnapsglas eifrig zum Einsatz. Für diesen besonderen Zug werden mehrere Stunden eingeplant. Nicht fehlen dürfen spezielle Lieder auf dem Weg, als Mix aus plattdeutschen Texten und bekannten Schlagermelodien. Abends sind die Stutenüberbringer am Ziel und werden von den Eltern des Kindes empfangen. Nun lässt sich die Gesellschaft am bereits gedeckten Tisch nieder, der Kilmerstuten wird angeschnitten und verzehrt.

Der Brauch hatte dereinst einen ganz praktischen Leitgedanken. Das gigantische Hefebrot sollte die Mutter sowie ihre Familie stärken und sie gleichzeitig in Sachen Nahrungszubereitung entlasten. Eine Variante des Brauchtums, besonders in Süd-Oldenburg, ist der Oma-Stuten, welcher der Großmutter des neugeborenen Kindes überbracht wird. Im Münsterland in Nordrhein-Westfalen kennt man diesen Brauch ebenfalls, hier heißt das Hefebrot zur Geburt eines Kindes Kroamstuten.

Das Rezept für einen backofentauglichen Kilmerstuten

Kein Wunder, dass im südwestlichen Niedersachsen die Bäcker und Konditoren mit der Herstellung des Kilmerstuten betraut werden, denn sie verfügen über den richtigen großen Backofen. Für den Hausgebrauch bietet sich das nachfolgende Rezept an, wobei es sich um ein stattliches Exemplar handelt, das der größeren Familien hervorragend mundet. Wer es lieber kleiner mag, kann die Zutaten entsprechend reduzieren.

Benötigt werden 3 Würfel Hefe, 1,5 l lauwarme Milch, 3 Eier, 3 EL Margarine, 5 EL Öl, 3 kg Mehl, 250 g Zucker, 4 TL Salz und 300 g Rosinen. Für die Zubereitung sollte ein großer Topf, alternativ ein Eimer eingesetzt werden.

Milch und Zucker in das Gefäß geben und die Hefe stückchenweise hineinbröckeln. Dann die Masse gut durchrühren und an einen warmen Ort stellen. Schwimmt die Hefe in einer dicken Schicht auf der Milch, werden Eier, Fette, Salz und Rosinen hinzugegeben. Zum Schluss das gesiebte Mehl hinzufügen und alles noch einmal gut verrühren. Im Anschluss daran wird der Teig auf einer bemehlten Arbeitsfläche solange durchgeknetet, bis er eine feste Konsistenz hat. Bei Bedarf kann noch Mehl hinzugegeben werden. Den Teig zu einem Stuten formen und auf dem Backblech für ca. 1,5 Stunden im vorgeheizten Backofen bei 180 Grad Ober- und Unterhitze backen.

Rubrik Familie: